Matthias Hoch

Purismus von Farbe und Form
Michael Stoeber

Die Städte-Bilder von Matthias Hoch versprechen uns Ansichten von Paris und Leipzig, Wolfsburg oder Aachen. Nur, was wir an realen Bildern oder an phantasierten Vorstellungen über diese Städte in unserem Kopf haben, das geben die großformatigen Fotografien des Künstlers nicht wieder. Obwohl ihre Titel lakonisch immer wieder den Namen der jeweiligen Stadt aufrufen, in der das entsprechende Bild entstanden ist, macht uns die Zuordnung der Aufnahmen Schwierigkeiten, selbst wenn wir die Städte, um die es sich handelt, gut kennen. Was auch soll bei einer Reihe schlanker Säulen, die einen lichtdurchfluteten Raum in die Tiefe staffeln, das spezifisch Pariserische an diesem Bild sein? Oder was verweist bei dem Aufmarsch einer Reihe von Zierbäumchen vor einer Innenwand auf Wolfsburg? Was erinnert an Aachen, wenn sich das stählerne Skelett eines Geländers durch das Bild zieht, und was an Leipzig, wenn drei weiß-blaue Schränke einen Raum in der Diagonale gliedern?

Wer, ausgehend von den Bildtiteln, hofft, daß der Leipziger Fotokünstler in seinen Aufnahmen die in den Titeln genannten Städte illustriert und bebildert, der muß zwangsläufig enttäuscht sein. Hoch interessiert nicht das Spezifische, Individuelle und Charakteristische einer bestimmten Stadt. Ihm geht es nicht um das dokumentarische Porträt der Stadt, sondern eher um eine allgemeine Topographie des modernen Stadtraumes. In Innen- und Außenansichten werden zeitgenössische Architekturen vorgestellt. In einer Art transnationaler Physiognomik tragen sie die unverwechselbare Signatur ihrer Zeit, kommt in ihnen zum Ausdruck, was wir uns in den letzten Jahren angewöhnt haben, mit dem Begriff der Globalisierung zu fassen. Kaum ein Bild, das nicht mühelos ausgetauscht und in einer anderen Serie untergebracht werden könnte, ohne daß es dem Betrachter großartig auffiele. In der Mehrzahl seiner Arbeiten rückt Matthias Hoch die Dinge nah an das Auge des Betrachters. Selbst wenn es sich dabei um mittlere Entfernungen handelt, wirken die Bilder im Verhältnis zur Größe der fotografierten Objekte wie Nahaufnahmen. So gut wie nie sehen wir Totalen, welche die Dinge als beherrschte in den Blick nehmen. Selbst wenn der Künstler aus der Draufsicht fotografiert wie in Paris #28, erscheint der formatsprengende Autobahnknotenpunkt in seiner Verkehrsführung so verwirrend wie ein gordischer Knoten. Auch die Armada leerer Einkaufswagen in Paris #34, ebenfalls am vorderen Bildrand beschnitten, wirkt eher bedrohlich und auf dem Sprung als durch den Blick des Betrachters gezähmt und beherrscht. Und das sinnverwirrend schöne Bild des Teppichs in Paris #26, von oben gesehen, löst sich auf in die Strömungsverhältnisse seiner Strukturen.

Gleichgültig, wie nah Matthias Hoch die Dinge an sein Kameraauge heranführt oder wie fern sie ihm bleiben, immer scheint er sich auf das Detail, das Fragment, die Partie eines Gebäudes, eines Raumes oder einer Sache zu konzentrieren. Dabei ist für die Bilder charakteristisch, daß die Dinge sich in ihrer Partialität nicht in Dienst nehmen lassen. Sie haben keinen Verweischarakter, sind nicht metonymisch, sie verweisen nicht als Teil auf ein abwesendes Ganzes, sondern stehen in ihrer Fragmenthaftigkeit selbst im Mittelpunkt des Interesses. So wie die Zuordnung des Bildes zur Stadt in diesen Aufnahmen nicht gelingt, so funktioniert auch die Zuordnung des Teils zum Ganzen nicht. Zur Verifizierung dieser Beobachtung genügt es beispielsweise, auf die Bildelemente in Paris #2, Paris #7 und Paris #19 zu schauen, auf Aachen #6 und Aachen #20 oder Wolfsburg #4. All diese Aufnahmen werden durch ein merkwürdiges Paradox bestimmt: durch die Differenz zwischen Zeigen und Bedeuten. Porengenau und äußerst präzise, in kartesianischer Klarheit und rationaler Schönheit rückt Matthias Hoch die Dinge ins Bild und verrätselt sie zugleich durch die Wahl von Ausschnitt und Perspektive hin zu einer irritierenden Uneindeutigkeit. Was weiter an den Fotografien von Matthias Hoch auffällt, ist ihr puristischer Gestus. Obwohl sie uns die Wirklichkeit zeigen, scheinen sie von allen Schlacken des Wirklichen gereinigt. Dazu gehört nicht zuletzt, daß diese Aufnahmen menschenleer sind, daß der Mensch in ihnen nur indirekt präsent ist als «homo faber», als der kreative Geist, der planend und erbauend all die Architekturen geschaffen hat, die uns die Bilder zeigen. Neben dem rationalen Ingenium, das ihn auszeichnet, ist der Mensch aber auch der große Irrationale, triebgesteuert und neurosengeschüttelt und damit zugleich in jeder rationalistischen Weltsicht, in jedem klar kalkulierten Weltentwurf der Unsicherheitsfaktor par excellence. Alle auf die Vernunft setzenden Systeme versuchten deshalb immer, diese irrationale Seite des Menschen zu domestizieren und nicht zum Zuge kommen zu lassen.

Matthias Hoch geht noch einen Schritt weiter. In seinen Aufnahmen löst sich das Individuelle zugunsten eines Allgemeinen auf. Statt um die spezifische Existenz scheint es ihm um die Essenz der Dinge selbst zu gehen. Daher sind diese Bilder im Grunde auch keine Dokumente, selbst wenn sie präzise registrieren, was ist. Andererseits handelt es sich aber auch um keine inszenierte Fotografie, obwohl Hoch jeden Aufnahmeschritt sorgfältig plant, mit Stativ und Plattenkamera jedes Bild genau kalkuliert. Aber er arrangiert seine Motive nicht, ihr Gestus ist eher lakonisch als theatralisch, und er vermeidet möglichst jeden Eingriff in das Motiv, abgesehen von gelegentlichen Computer-Retuschen. Die stehen indes ebenfalls entschieden im Dienste der Privilegierung eines Allgemeinen. Die Auslöschungen betreffen ausschließlich Schilder oder Schriften, die klar individuelle Identifizierungen der Architekturen und Stadtansichten erlauben. Einmal mehr also der Versuch, ein Individuelles zu exorzieren und ein Allgemeines zu bannen. Der Fotograf als Neoplatoniker überdauernder Formen.

Was weiter an den Bildern des Künstlers auffällt, ist das Konsonantische ihrer Komposition, ihr ausbalanciertes Gefühl für Farbe, Form und Proportion. Damit hat Matthias Hoch schon bei seinen frühen fotografischen Protokollen von DDR-Bahnhöfen in den achtziger Jahren den Betrachter verblüfft. Manche Menschen sind ja der Meinung, die DDR sei nicht an ihrer desolaten Wirtschaftspolitik, sondern an ihrer Häßlichkeit zugrunde gegangen, und es gelte, die Überbau-Theorie von Marx vom Kopf auf die Füße zu stellen. In den Aufnahmen von Matthias Hoch wird diese Häßlichkeit Form. Ohne das Abgewrackte und Heruntergewirtschaftete der Bahnhöfe in irgendeiner Weise zu idyllisieren oder zu camouflieren, ist der Künstler mühelos in der Lage, der baulichen Misere ästhetische Momente abzugewinnen.

Das trifft auch auf die Bilder zu, die Hoch von der medizinischen Fakultät Aachen gefertigt hat. Die megalomanen, futuristisch anmutenden Baukörper lösen beim Betrachter nicht unbedingt ästhetische Sensationen aus. Hoch lenkt den Blick aufs Fragment, auf die gleißenden Diagonalen eines Geländers beispielsweise, die zusammen mit den Vertikalen der Flure und den Horizontalen der Wand ein formal und farbig wunderbar strukturiertes Ornament bilden. Nicht nur an diesem Bild wird deutlich, daß das Fragment bei diesem Künstler eher im Dienste einer Ästhetik der Struktur als einer Semantik des Sinnverlustes steht. Hochs Blick entdeckt Schönheit, wo wir sie normalerweise nicht vermuten: im Gewirr von Kabelschächten und Straßen, in den Fluchten von Treppenaufgängen und Balkonen, in menschenleeren Fluren und Tiefgaragen. Der Fotograf hat eine besondere Begabung, mit seiner Kamera auf geradezu mathematische Weise Schönheit ins Bild zu rücken, nie eine sentimentale, sondern stets eine von Maß und Zahl bestimmte, rationale Schönheit.

Matthias Hoch stellt seine Bilder im Diasec-Verfahren her. Dabei handelt es sich um eine ebenso elastische wie feste Verbindung zwischen Bild und Acrylglas. Die Lichtbrechung an der Oberfläche des Fotopapiers ist bei diesem Prozeß anders als bei herkömmlicher Passepartout-Rahmung mit Fensterglas. Das Acrylglas ist homogener und der Anteil diffus gebrochenen Lichtes geringer. Dadurch wirken die Farben brillanter, schärfer und unmittelbarer. Immer scheint auf den Dingen in den Bildern von Matthias Hoch ein besonderer Glanz zu liegen, ob es sich nun um die spiegelnden Fassaden eines Hochhauses handelt, die glänzenden Markierungen eines Schachtes, die schimmernde Aura eines Saales oder das blendende Gegenlicht am Ende eines Korridors. Oft erinnert das Spiel, das der Künstler mit Licht und Schatten treibt, an die Lichtreflexe und Glanzlichter auf den Bildern alter Meister. Aber die piktoriale Komponente steht nicht im Dienste einer malerischen Fotografie, sondern ist Element des kalkulierten Purismus, der konstitutiv ist für die Werke dieses Künstlers. Ein Purismus der Farbe wie der Form, der die Dinge in die Abstraktion treibt, zur Essenz, zur Idee. Kein Wunder, daß mancher Betrachter dieser Bilder sich bei ihrem Anblick an profane Epiphanien erinnert fühlt, an jene seltenen Erlebnisse, wo die Dinge blitzhaft, für die Dauer eines kostbaren Augenblicks, ihr wahres Antlitz enthüllen.


Veröffentlicht in: EIKON, Internationale Zeitschrift für Photographie und Medienkunst, Heft 34, Wien 2001, S. 15-22.

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