Matthias Hoch

Das schöne Buch: Hotel Kobenzl
MDR Kultur

Anmoderation: Für seine Arbeit sucht der 1958 in Radebeul geborene, in Leipzig lebende Fotograf Matthias Hoch gern Orte mit Geschichte; Häuser und Räume, die wie Bühnen eines längst abgespielten Stücks wirken. So erkundete er für sein Projekt „Silver Tower“ das leer geräumte Dresdner-Bank-Hochhaus in Frankfurt am Main. Dass ihn ausgerechnet in einem längst geschlossenen österreichischen Berghotel die Gegenwart einholen sollte, ahnte er nicht. Der großartige Fotoband „Hotel Kobenzl“ ist eine Meditation über Heimat, Gastfreundschaft und die Zeitgebundenheit von Luxus. Nils Kahlefendt hat Matthias Hoch getroffen und mit ihm über sein Buchprojekt gesprochen.

NK: Der Aufstieg des Kobenzl, auf 800 Meter in den Bergen über Salzburg gelegen, begann 1969: Damals feierte Wernher von Braun, Raketenpionier der Nazis und Rocket Man der NASA, seinen Geburtstag auf der Hotelterrasse – und feuerte standesgemäß eine kleine Modellrakete in den Salzburger Abendhimmel. Während der Mondlandung von Apollo 11 lief die Szene im amerikanischen Fernsehen. Nun kamen sie alle: Nixon war hier, Thatcher, Strauß, der japanische Tennō. Später Schwarzenegger, Grönemeyer und Udo Jürgens. Und, ja: auch DDR-Politbüro-Größen wie Günter Mittag. Als der Fotograf Matthias Hoch 2014 im Kobenzl eintraf, war das Haus schon acht Jahre geschlossen. Doch ein Hausmeister hatte die ganze Zeit für Ordnung gesorgt.

MH: Ich hatte tatsächlich das Gefühl, als wäre der letzte Gast gerade gegangen. Und genau dieses Stehengebliebene, aus der Zeit gefallene - das hat mich interessiert! [...] Und als ich dann so eine kleine Ahnung von der Geschichte bekam, da war’s einfach um mich geschehen. Also, da war klar: Diesem Ort will ich mich stellen. Und es war mir von vornherein klar: Das ist nicht in ein, zwei Wochen abzuhandeln. Da wirst Du wohl ein, zwei Jahre dafür brauchen - und am Ende waren’s knapp drei.

NK: Hoch quartiert sich, als einziger Gast, im Kobenzl ein, der Hausmeister serviert täglich das Frühstück aufs Zimmer. Der Fotograf hat alle Freiheit, die Atmosphäre des Hauses zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten zu erspüren.

MH: Das ist eigentlich das schönste in meiner Arbeit: Wenn ich an einen Punkt komme, wo ich das Gefühl habe, dass ich Teil eines Objektes werde. Dass ich kein Fremdkörper mehr bin.

NK: Hochs Fotografien geben der nutzlos gewordenen Pracht von einst ihre Aura zurück: Wir sehen pseudo-barocke Schlaflandschaften mit Paradekissen, Küche, Weinkeller, Lobby, dazu Details: Die ordentlich sortierten Zimmerschlüssel an der Rezeption, ausgelagerte Kristalllüster, tote Fliegen auf einem Bett, ausrangiertes Gymnastikgerät, Silberbesteck, das längst nicht mehr glänzt. Zwischen den Farbstrecken wird, schwarz-weiß auf dünnem Zeitungspapier, Archivmaterial präsentiert: Bilder der Wirtsleute und ihrer Gäste, Speisekarten, Gästebuch-einträge. 2015 bricht überraschend die Wirklichkeit in die Dornröschenwelt; der einstige Slogan des Fünfsterne-Hotels - „Die Welt zu Gast im Kobenzl“ - bekommt eine neue Bedeutung: Das Haus wird „Asylverteilzentrum“. Hoch fotografiert weiter.

MH: Über Jahrzehnte hat sich in diesem Haus nichts verändert - und plötzlich, nach dieser Umwandlung, innerhalb von einem Monat, [...] wurden die verzierten Doppelbetten ausgetauscht durch Stockbetten der österreichischen Armee. Die Kronleuchter wurden abgenommen und ersetzt durch Energiesparlampen. Ein Doppelzimmer wurde dann umfunktioniert zum Gebetsraum, während des Ramadan… es waren ja hauptsächlich Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan, die dort waren.

NK: Inzwischen ist die Balkan-Route geschlossen, das Haus steht wieder leer. Der österreichische Staat hat das Kobenzl für 15 Jahre gemietet – vielleicht wird es ein Ruheheim für verdiente Beamte? Die Geschichte des Hotels, ahnt Matthias Hoch, ist noch längst nicht zu Ende.

Abmoderation: Der Band „Hotel Kobenzl“ von Matthias Hoch mit einem Text des Schriftstellers Andreas Maier ist in der Fotohof Edition Salzburg erschienen; 160 Seiten zum Preis von 33 Euro.

MDR Kultur: Das Schöne Buch, Sedetermin 30.4.2017, 15.15 Uhr

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